© Susanne Schleyer

Vom Paradox der Befreiung zum Niedergang der liberalen Eliten

» Israel ist insofern für eine Diskussion über die gegenwärtige allgemeine Unordnung von Interesse, als das Land mindestens ein Jahrzehnt vor dem globalen Abrutschen in den Fundamentalismus zu einer rückwärtsgewandten populistischen Politik übergangen ist. «
Eva Illouz

In meinem Essay reflektiere ich über den Prozess einer inneren Radikalisierung in erster Linie von einer kleinen Ecke des Globus aus, der Israels. Das Land ist insofern für eine Diskussion über die gegenwärtige allgemeine Unordnung von Interesse, als es mindestens ein Jahrzehnt vor dem globalen Abrutschen in den Fundamentalismus zu einer rückwärtsgewandten populistischen Politik übergegangen ist; nicht umsonst spricht Christophe Ayad von einer »Israelisierung der Welt«. Diese reaktionäre Politik manifestiert sich auf verschiedene Weise: Da ist zum einen die Radikalisierung der regierenden Likud-Partei, die sich vor allem nach den Wahlen von 2009 auf eine israelische »Alt-Right«-Politik mit dem unverblümten Ziel verlegt hat, eine jüdische Vormachtstellung territorialer und rechtlicher Natur über die arabischen Israelis zu etablieren (so sagte ein prominenter Likud-Abgeordneter unlängst, er zöge es vor, wenn die arabischen Bürger nicht wählen gingen). Zum anderen werden extrem messianische Politiker salonfähig, die nach einem biblischen Großisrael rufen – eine Position, die noch vor zehn Jahren als reiner Irrsinn gegolten hätte. Weitere Aspekte der neuen rechten Politik sind die öffentliche Delegitimierung linker Ansichten, die inzwischen von vielen Vertretern des Staates als Akt des »Hochverrats « bezeichnet werden (und in einigen Fällen für illegal erklärt wurden, wie im Fall des Aufrufs, sich an der Kampagne »Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen« für Palästina, BDS, zu beteiligen); die unablässige Beschwörung der Sicherheit, um die Verletzung von Privatsphäre und Minderheitenrechten zu rechtfertigen; sowie Rabbiner im öffentlichen Dienst, die dazu aufrufen, keine Araber zu beschäftigen und Geschäfte zu boykottieren, die dies tun. Jüngst förderte eine Umfrage unter israelischen Jugendlichen der 11. und 12. Schulklasse seitens Israel Hayom, einer Tageszeitung im Besitz von Sheldon Adelson (einem jüdischen Milliardär, der Millionen von Dollar an Netanjahu und Trump gespendet hat), die folgenden grundlegenden Trends zutage: 59 Prozent bezeichneten sich als politisch rechts und nur 13 Prozent als politisch links. Die Umfrage offenbarte auch ein erstaunlich hohes Maß an Patriotismus; 85 Prozent der Befragten sagten, sie »lieben das Land«, und 65 Prozent erklärten sich mit der Devise des zionistischen Volkshelden Joseph Trumpeldor einverstanden, der 1920 im Kampf starb: »Es ist gut, für sein Land zu sterben.«

Den kompletten Beitrag von Eva Illouz finden Sie im Buch Die große Regression,
S. 93 – 116.

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