© Anna Meuer

Symptome auf der Suche nach ihrem Namen und Ursprung

» Selbst wenn wir noch immer an ›den Fortschritt‹ glauben, erscheint er uns tendenziell als eine Mischung aus Segen und Fluch, deren Fluchgehalt stetig steigt, während die Segnungen immer weiter auseinanderliegen. «
Zygmunt Bauman

Wir haben heute das Gefühl, dass alle Hilfsmittel und Kunstgriffe zur Bekämpfung von Krisen und Gefahren, die wir bis vor kurzer Zeit noch für wirksam oder gar narrensicher hielten, ihr Verfallsdatumerreicht beziehungsweise überschritten haben. Und uns schwebt kaum noch etwas oder eigentlich gar nichts mehr vor, das an ihre Stelle treten könnte. Die Hoffnung, den Lauf der Geschichte unter die Vormundschaft des Menschen stellen zu können, ist mitsamt den sich aus ihr ergebenden Bestrebungen so gut wie verschwunden, da die Zivilisation nach einer Reihe von Entwicklungssprüngen nicht nur mit den Naturkatastrophen gleichgezogen hat, sondern sie in puncto Unerwart- und Unbeherrschbarkeit inzwischen sogar übertrifft.

Selbst wenn wir noch immer an »den Fortschritt« glauben (was keineswegs mehr selbstverständlich ist), erscheint er uns tendenziell als eine Mischung aus Segen und Fluch, deren Fluchgehalt stetig steigt, während die Segnungen immer weiter auseinanderliegen. Unseren Ahnen galt einstmals die Zukunft als der sicherste und verheißungsvollste Ort, auf den man seine Hoffnungen setzen konnte – wir hingegen neigen dazu, sie vor allem als Projektionsfläche für unsere vielfältigen Ängste, Sorgen und Befürchtungen zu benutzen: Arbeitslosigkeit, sinkende Einkommen, mit denen auch unsere und die Lebenschancen unserer Kinder abnehmen, unsere zunehmend fragiler werdende soziale Stellung und die Gefährdetheit dessen, was wir uns im Leben aufgebaut haben, sowie die sich weitende Kluft zwischen unseren Mitteln, Ressourcen und Fähigkeiten einerseits und der Monumentalität der vor uns liegenden Aufgaben andererseits. Vor allem aber merken wir, dass uns die Kontrolle über unser eigenes Leben entgleitet, dass wir wie Bauern auf einem Schachbrett von uns unzugänglichen Spielern herumgeschoben werden, die unseren Bedürfnissen gleichgültig oder unverhüllt feindlich gegenüberstehen und keinerlei Bedenken haben, uns im Verfolg ihrer Ziele zu opfern. Der vor noch gar nicht so langer Zeit vor allem mit Komfortgewinn und abnehmenden Unbequemlichkeiten verquickte Gedanke an die Zukunft weckt heute zuallererst Furcht vor der bedrohlichen Aussicht, als ungeeignet und »unfit« bezeichnet beziehungsweise klassifiziert, jeden Werts und jeder Würde beraubt, marginalisiert, ausgeschlossen und verstoßen zu werden.

Den kompletten Beitrag von Zygmunt Bauman finden Sie im Buch Die große Regression,
S. 37 – 56.

Newsletter

Wir blicken nach vorne: auf das Thema #greatregression, die Autorinnen und Autoren sowie Veranstaltungen in der kommenden Woche. Und wir blicken zurück: auf das, worüber in den vergangenen Tagen auf dieser Webseite und in den sozialen Medien geschrieben wurde. Zusätzlich bieten wir Ihnen in einem Pressespiegel einen Überblick über die in den internationalen Medien geführte Debatte. Abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter, wenn Sie wissen wollen, was rund um Die große Regression geschieht.

Dieser Newsletter ist kostenfrei und kann jederzeit wieder abbestellt werden.