© Emilie Hermant

Refugium Europa

» Europa ist im Zerfall begriffen, es zählt in etwa noch so viel wie eine Haselnuss, die in einem Nussknacker steckt. «
Bruno Latour

Seit den amerikanischen Wahlen im November 2016 liegen die Dinge zumindest etwas klarer.

England hat sich in seinen imperialen Traum verrannt, Version spätes 19. Jahrhundert. Die Vereinigten Staaten wollen ihre alte Größe wiedergewinnen, Version Nachkriegszeit, Fotos in Sepiatönen. Europa, das kontinentale, steht alleine da, schwach und zerstrittener denn je. Polen schwelgt in Vorstellungen von einem fiktiven Land, in Ungarn sind nur noch »Abstammungs«-Ungarn willkommen, Franzosen, Italiener und Niederländer haben es mit Parteien zu tun, die sich in imaginären Grenzen einmauern wollen. Katalanen, Schotten und Flamen streben nach Unabhängigkeit. Der russische Bär leckt sich derweil die Lefzen, und China macht sich endlich daran, wieder zum »Reich der Mitte« zu werden – ob es den umliegenden Ländern passt oder nicht.

Europa ist im Zerfall begriffen, es zählt in etwa noch so viel wie eine Haselnuss, die in einem Nussknacker steckt. Die Vereinigten Staaten sind in die Hände eines neuen König Ubu gefallen. Auf sie kann Europa nicht mehr zählen.

Es könnte also an der Zeit sein, das vereinte Europa neu zu begründen. Allerdings nicht dasjenige, das die Gründerväter einst aus Eisen, Kohle und Stahl errichten wollten. Sicherlich auch nicht das Europa der jüngsten Vergangenheit, das dem verrückten Glauben anhing, man könne sich mittels Richtlinien, einheitlicher Standards und einer gemeinsamen Währung aus der Geschichte verabschieden. Nein, die Notwendigkeit einer erneuten Einigung Europas ergibt sich aus Bedrohungen, die ähnlich gravierend sind wie jene der fünfziger Jahre. Europa muss seinen Teil zu einer Geschichte beitragen, die nicht länger die des 20. Jahrhunderts ist.

Den kompletten Beitrag von Bruno Latour finden Sie im Buch Die große Regression,
S. 135 – 148.

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