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»Populismus heißt: Ich bin das Volk« Die Presseschau vom 19. Mai 2017

Schmälert die inflationäre Verwendung des Begriffs »Populismus« die Qualität unseres aktuellen politischen Diskurses? Ja, meint der Sprachphilosoph und Politikwissenschaftler Paul Sailer-Wlasits und plädiert im Debatten-Magazin The European für die Einführung des ergänzenden Begriffs »hybrider Populismus«. Ausgehend von der Problematik, dass Populismus als unscharfer Topos weder in politisch rechten noch linken Lagern inhaltlich konsistent, sondern in beiden relational, also durch »ein politisches ›Verhalten zu‹« dominiert sei, beschreibt er den Begriff als Mischwesen, dessen Kernbestandteil das »Auftreten gegen das ›Establishment‹« ist.

 

Populismus und Sprache

Populistischer Sprachgebrauch selbst ist Gegenstand des lesenswerten Interviews mit der Geschichtsprofessorin Tatjana Tönsmeyer. Sie erklärt unter anderem, inwiefern die Geschichtswissenschaft helfen kann, für das Thema zu sensibilisieren und welche Merkmale populistischer Rede historisch gewachsen sind.

Wie können sich Journalisten angesichts von Social Bots, Fake News und der eigenen Glaubwürdigkeitskrise verhalten? Diese Woche kamen im Berliner Sitz des Deutschlandradios Medienschaffende beim Workshop »Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Zeiten des Populismus« zusammen und auch hier war Sprache eines der zentralen Themen: warum Wiederholung als Merkmal populistischer Rhetorik zündet und man sie im Journalismus nach Möglichkeit vermeiden sollte. Diskutiert wurde dabei auch über die Frage, was der Begriff überhaupt bedeutet. »Populismus heißt: Ich bin das Volk. Die anderen sind alle korrupt oder machthungrig oder elitär«, sagte beispielsweise der FAZ-Journalist Justus Bender. Was beim Workshop sonst noch thematisiert wurde, kann im Deutschlandfunk nachgehört werden.

 

Debatte

»Wie viel zynische Selbstgerechtigkeit muss man mitbringen, dass man die ideologische Reinheit des eigenen Wahlverhaltens über aktive Verhinderung einer rechtsradikalen Präsidentin stellt?« Nils Markwardt greift in seinem Community-Beitrag bei derFreitag seinen vorangegangenen ZEIT ONLINE-Text »Im Zweifel für die Liberalität« noch einmal auf.

Eine Nachlese zur Frankreichwahl kam diese Woche auch von Edgar Schuler in der WELT. Die Kritik an der Wahl Macrons kommentiert der Autor mit Unverständnis. »Pessimismus ist oberste Kommentatorenpflicht. Aber nicht in diesem Fall!«, schreibt Schuler. Denn: Macron habe die »Chuzpe und (…) Unverfrorenheit eines Asterix«.

Populismus in Europa ist auf dem absteigenden Ast, so Klaus-Dieter Frankenberger. In der FAZ erklärt er, warum er in Europa keinen Trump-Effekt sehe. Ein Abschreckungsbeispiel sei etwa der Brexit: »So hart und so fundamental wollen es selbst Europa-Skeptiker doch nicht.«

»Hat der Rauswurf des FBI-Chefs nun auch das Schicksal der USA besiegelt?«, fragt Alexander Görlach in der Huffington Post. Er skizziert Trump in seinem Beitrag als eine blonde Variante des türkischen Staatschefs Erdoğan und erklärt, warum das nicht mit der Situation in Großbritannien oder Frankreich zu vergleichen sei.

 

Das Buch und die Autoren in der Presse

WDR3 hat vergangene Woche mit Herausgeber Heinrich Geiselberger über Die große Regression gesprochen und die Review of Books der London School of Economics beginnt ihre Rezension mit der Frage »How do we make sense of the dramatic political changes of recent months?«.

Im neuen Videopodcast von Robert Misik treffen zwei Alphatiere aufeinander – Sebastian Kurz, seit vergangenem Sonntag Bundesparteiobmann der ÖVP und »klare Gravitationsfigur rechts«, gegen die »modernistische Mitte-links-Figur« Christian Kern (SPÖ). Ein Beitrag über den anstehenden Wahlkampf in Österreich.

Europäischer Superstaat oder Europa der Nationen? Die Auseinandersetzung von Wolfgang Streeck und Jürgen Habermas ist in diesem Monat Thema im Merkur (kostenpflichtig). Gregor Dotzauer kommentiert die Debatte in einer Zeitschriftenkolumne im Tagesspiegel.

 

Veranstaltungstipp

»Das Ende der liberalen Ordnung? Internationale Tagung zum Populismus in Osteuropa« – vom 1. bis zum 3. Juni 2017 findet in der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg eine Tagung mit vier englischsprachigen, wissenschaftlichen Vortragspanels sowie in einer deutschsprachigen, stadtöffentlichen Diskussionsrunde statt.

Bei den Mosse-Lectures der Humboldt Universität in Berlin geht es derzeit um die »Kritik des Liberalismus«.

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