© Stephan Vanfleteren

Lieber Präsident Juncker

» Die Frage, ob Wahlen in ihrer jetzigen Form nicht vielleicht doch eine altmodische Methode sind, gilt immer noch als ketzerisch. «
David Van Reybrouck

Seit dem Brexit und der Wahl Donald Trumps haben wir Tausende von Echtzeitanalysen und -kommentaren gesehen. Wir haben viel darüber gelesen, was mit den Politikern, Parteien und sogar den Menschen nicht stimmt. Worüber wir überraschenderweise nichts gelesen haben, ist der Zustand unserer demokratischen Verfahren. Die Frage, ob Wahlen in ihrer jetzigen Form nicht vielleicht doch eine altmodische Methode sind, um aus dem Gemeinwillen eine Regierung und deren Politik zu bestimmen, diese Frage gilt immer noch als ketzerisch.

Da die große Regression eine ganze Reihe von Ursachen hat, werden unweigerlich viele verschiedene Gegenmittel erforderlich sein, um mit ihr fertigzuwerden. In meinem Brief konzentriere ich mich jedoch auf eine Dimension, die ich für besonders wichtig halte: die Art und Weise, wie wir Demokratie betreiben. Mich interessieren die praktischen Verfahren und die profanen Schnittstellen, die wir nutzen, um die Demokratie am Laufen zu halten. Das hat natürlich mit meinem Bildungshintergrund zu tun. Ich bin studierter Archäologe: Ich bin davon überzeugt, dass die praktischen Bedingungen der materiellen Welt nicht bloß von zweitrangiger Bedeutung sind, sondern die Welt konstituieren. Instrumente formen Resultate. Oder wie Winston Churchill es ausdrückte, als in Großbritannien über die Frage diskutiert wurde, in welcher Gestalt der im Krieg zerstörte Saal des Unterhauses im Palace of Westminster wiederaufgebaut werden sollte: »Wir formen unsere Gebäude, danach formen sie uns.«

Üblicherweise verfügen wir über zwei Werkzeuge, mit denen die Menschen ihr Mitspracherecht ausüben: Wahlen und Referenden. Doch handelt es sich bei diesen beiden tatsächlich um die besten Instrumente? Legen die Bürger wirklich ihre beste Seite an den Tag, wenn sie im dunklen Licht und hinter dem geschlossenen Vorhang der Wahlkabine wichtige Entscheidungen über die Zukunft ihrer Gesellschaft treffen, und zwar ohne in irgendeiner Weise dazu verpflichtet zu sein, sich zu informieren, oder die Möglichkeit zu haben, zunächst mit anderen zu diskutieren? Ist dieses alte Ritual des Wählens wirklich das Beste, was uns im 21. Jahrhundert einfällt, wenn es um kollektive Entscheidungsfindung geht? Sind dies die angemessensten Mittel, mit denen die Menschen ihre Träume und ihre politischen Präferenzen zum Ausdruck bringen können?

Den kompletten Beitrag von David Van Reybrouck finden Sie im Buch Die große Regression,
S. 275 – 292.

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