Entzivilisierung. Über regressive Tendenzen in westlichen Gesellschaften

» Traditionale Sozialbeziehungen, Familien, lokale Gemeinschaften, Nachbarschaftsbindungen, sie alle haben an Bedeutung verloren. Das Paradoxe ist jedoch, dass das moderne Individuum letztlich gesellschaftsabhängiger geworden ist. «
Oliver Nachtwey

Individualisierung ist ein Element des Zivilisationsprozesses: Dass ihre Mitglieder als autonome Subjekte agieren können, gehört zu den elementaren Selbstbeschreibungen moderner Gesellschaften. Der Prozess der Individualisierung beruht auf der Freisetzung aus tradierten und eingrenzenden Sozialformen: Traditionale Sozialbeziehungen, Familien, lokale Gemeinschaften, Nachbarschaftsbindungen, sie alle haben an Bedeutung verloren. Das Paradoxe ist jedoch, dass das moderne Individuum, weil es die traditionalen Sozialbindungen abgestreift hat, letztlich gesellschaftsabhängiger geworden ist. Da immer mehr Menschen lebensweltlich mobil sind, wohnt man häufig nicht mehr in derselben Straße wie die Eltern und braucht einen Kita-Platz, damit der Nachwuchs versorgt ist, während man arbeiten geht. Aber durch die Entkollektivierung des Sozialstaats und den Abbau seiner Solidaritätsreserven ist das Individuum nunmehr negativ individualisiert. Das Risiko des sozialen Abstiegs, das zum Signum westlicher Kapitalismen geworden ist, wird nicht mehr aufgefangen.

Leicht übersieht man in diesem Kontext die Rolle von Gemeinschaften und intermediären Assoziationen. So statisch und muffig die traditionellen Lebenswelten und (Klassen-)Milieus auch gewesen sein mögen, sie waren Räume entlastender Gegendeutungen – etwa im Fall von Arbeitslosigkeit –, soziale Risiken galten dort nicht als Resultat individuellen Versagens, sondern als geteiltes Schicksal. Vereine und Klubs, Orte, die man heute der Zivilgesellschaft zurechnen würde, boten nicht nur Rückzugsräume und Entlastung vom gesellschaftlichen Druck, sondern hier ließ sich (wenn auch im Kleinen) die Gesellschaft – oder gleich eine Gegen-Gesellschaft – organisieren. Das galt sowohl für die Arbeiterklasse als auch für die eher bürgerlichen Mittelschichten. Man erlebte Selbstwirksamkeit, hatte einen Ort, wo die eigene Stimme zählte. Hier konnte man Ressentiments artikulieren, fand aber zugleich eine Form von Sozialisation, kollektiver Identität, sozialer Einbettung und eben auch sozialer Kontrolle. Gemeinschaften und intermediäre Assoziationen sind in diesem Sinne immer auch Schulen der Demokratie und Zivilität. Die nachlassende Bedeutung der Gemeinschaft und der intermediären Assoziationen hat zur Folge, dass das Individuum angesichts gesellschaftlicher Zwänge und Wandlungsprozesse häufig auf sich allein gestellt ist.

Den kompletten Beitrag von Oliver Nachtwey finden Sie im Buch Die große Regression,
S. 215 – 231.

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