© Susanne Schleyer

Die populistische Versuchung

» Es ist der Aufstieg des rechtsnationalistischen Populismus in Westeuropa, der inzwischen die stärkste politische Kraft zum Schutz der Interessen der Arbeiterklasse und zugleich diejenige Kraft ist, die es noch am ehesten schafft, echte politische Leidenschaften zu entfachen. «
Slavoj Žižek

Die populistische Linke akzeptiert allzu voreilig die Grundprämisse ihres Gegners: Universalismus ist out und wird als lebloses politisches und kulturelles Pendant zum »wurzellosen« globalen Kapital und seinen technokratischen Finanzexperten oder bestenfalls noch als Ideologie von Sozialdemokraten à la Habermas abgetan, die für einen globalen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz eintreten. Der Grund für diese Wiederentdeckung des Nationalismus liegt auf der Hand: Es ist der Aufstieg des rechtsnationalistischen Populismus in Westeuropa, der inzwischen die stärkste politische Kraft zum Schutz der Interessen der Arbeiterklasse und zugleich diejenige Kraft ist, die es noch am ehesten schafft, echte politische Leidenschaften zu entfachen. Also überlegt man sich, warum die Linke dieses Feld nationalistischer Leidenschaften der radikalen Rechten überlassen soll. Warum nicht »la patrie vom Front National zurückfordern«? Könnte die radikale Linke nicht dieselben nationalistischen Leidenschaften als machtvolles Instrument gegen die zentrale Tatsache unserer heutigen Weltgesellschaft in Anschlag bringen – die zunehmend ungehinderte Herrschaft des wurzellosen Finanzkapitals? Sobald wir diesen Horizont akzeptieren, wird die Kritik an der Brüsseler Technokratie und daran, dass die nationale Souveränität von anonymen Brüsseler Bürokraten beschnitten wird, die Kritik also, die das Hauptmerkmal der heutigen radikalen Rechten ist, zu einem Grund für linken Patriotismus – in Griechenland äußert sich das in dem Streit zwischen dem ehemaligen Finanzminister Yanis Varoufakis und dem Ökonomen Costas Lapavitsas, der Varoufakis’ Initiative DiEM25 (kurz für: Democracy in Europe Movement 2025) wegen ihres leblosen Paneuropäismus verhöhnt, der sich von vornherein auf das Terrain des Gegners einlasse.

Den kompletten Beitrag von Slavoj Žižek finden Sie im Buch Die große Regression,
S. 293 – 313.

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