© Suhrkamp Verlag

Demokratiemüdigkeit

» Wie viele der autoritären Führer unserer Tage verbindet der indische Premierminister Narendra Modi einen extremen Kulturnationalismus mit einer ausgesprochen neoliberalen Agenda. «
Arjun Appadurai

In vielerlei Hinsicht stellt der rechte Ideologe Narendra Modi, der gegenwärtig den Posten des indischen Premierministers bekleidet, das beste Beispiel dafür dar, wie die neuen autoritären Führer ihre populistischen Strategien entwickeln und absichern. Modi kann auf eine lange Karriere als Parteisoldat und Aktivist der hinduistischen Rechten in Indien zurückblicken. Von 2001 bis 2004 diente er als Chief Minister von Gujarat. Nachdem in Gujarat damals einige Muslime einen Zug mit Hindu-Pilgern angegriffen hatten, kam es 2002 im ganzen Bundesstaat zu einem Genozid an Muslimen, bei dem offenbar auch Modi seine Hände im Spiel hatte. Obwohl viele indische Linke bis heute davon überzeugt sind, dass Modi diesen Genozid aktiv befördert hat, ist es ihm bislang gelungen, allen straf- und zivilrechtlichen Verurteilungen zu entgehen. 2014 wurde er schließlich sogar zum indischen Premierminister gewählt. Modi bekennt sich offen zum Hindu-Nationalismus der Ideologie des hindutva, die eine Herrschaft nach hinduistischen Regeln anstrebt. Wie viele der autoritären populistischen Führer unserer Tage verbindet er einen extremen Kulturnationalismus mit einer ausgesprochen neoliberalen politischen Agenda. Während seiner nun fast dreijährigen Amtszeit hat Indien eine bislang beispiellose Beschneidung der sexuellen, religiösen, kulturellen und künstlerischen Freiheiten erlebt. Diese Vorgänge sind nichts anderes als eine systematische Demontage des säkularen und sozialistischen Erbes Jawaharlal Nehrus und der gewaltfreien Visionen Mahatma Gandhis. Unter Modi ist ein Krieg mit Pakistan stets in greifbarer Nähe, Indiens Muslime leben in permanenter Angst, und die Dalits – die auf der untersten Stufe des indischen Kastenwesens stehenden ehemals so genannten »Unberührbaren« – sind tagtäglich dreisten Übergriffen und Demütigungen ausgesetzt. Modi hat den Diskurs der ethnischen Reinheit mit Vorstellungen über Sauberkeit und Hygiene kombiniert. Im Ausland hat er ein kulturelles Image Indiens propagiert, das digitale Modernität mit hinduistischer Authentizität verschmilzt, im Innern hat er die Vorherrschaft des Hinduismus befördert. Diese beiden Aspekte sind heute tragende Säulen der indischen Souveränität.

Den kompletten Beitrag von Arjun Appadurai finden Sie im Buch Die große Regression,
S. 17 – 35.

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