© Institute for Human Sciences in Vienna / Institut für die Wissenschaft vom Menschen (IWM)

Auf dem Weg in die Mehrheitsdiktatur?

» Die Globalisierung hat die Welt in ein Dorf verwandelt, aber dieses Dorf lebt unter einem Diktat – dem Diktat des globalen Vergleichs. «
Ivan Krastev

Als Forscher der University of Michigan 1981 den ersten World Values Survey durchführten, stellten sie erstaunt fest, dass das Glücksempfinden in einem Land nicht von dessen materiellem Wohlstand abhing. Damals waren die Nigerianer ebenso glücklich wie die Westdeutschen. Heute, 35 Jahre später, hat sich das allerdings verändert. Nach den letzten Erhebungen sind die Menschen in den meisten Ländern so glücklich, wie das Bruttoinlandsprodukt dies erwarten lässt. Was ist in dieser Zeit geschehen? Die Antwort ist einfach: Die Nigerianer haben inzwischen Fernsehen, und die Ausbreitung des Internets ermöglicht es jungen Afrikanern heute, sich anzusehen, wie die Europäer leben und wie ihre Schulen und Krankenhäuser aussehen. Die Globalisierung hat die Welt in ein Dorf verwandelt, aber dieses Dorf lebt unter einem Diktat – dem Diktat des globalen Vergleichs. Die Menschen vergleichen ihr Leben nicht mehr mit dem ihrer Nachbarn, sondern mit dem der wohlhabendsten Bewohner des Planeten. In unserer vernetzten Welt ist die Migration die neue Revolution – keine Revolution der Massen wie im 20. Jahrhundert, sondern eine auf Weggehen gerichtete Revolution des 21. Jahrhunderts, deren Akteure Individuen und Familien sind, die sich nicht von den Zukunftsvisionen einer Ideologie leiten lassen, sondern von Google-Maps-Fotos des Lebens jenseits der Grenze. Diese neue Revolution benötigt keine politischen Bewegungen oder Führer. Deshalb sollten wir uns nicht wundern, dass für viele Arme in dieser Welt der Weg über die Grenze der EU attraktiver ist als jede Utopie. Für eine wachsende Zahl von Menschen bedeutet Veränderung nicht mehr, die Regierung zu wechseln, unter der sie leben, sondern das Land zu wechseln, in dem sie leben.

Den kompletten Beitrag von Ivan Krastev finden Sie im Buch Die große Regression,
S. 117 – 134.

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